Kehr ExtraTour Schweden 2010 + 2011
Die Liberalisierung des schwedischen Apothekenmarktes in engen Grenzen
In 2011 reiste die private Pharmagroßhandlung
Kehr/Kehr Holdermann zum zweiten Mal in Folge mit Kunden nach
Stockholm, um den Liberalisierungsprozess in Schweden zu erforschen.
Fazit: Privates Unternehmertum hat es schwer auf dem Weg vom
staatlichen Monopol zum staatlich geregelten Wirtschaftsliberalismus.
"Während der ersten Studienreise im September 2010 war uns sehr schnell klar
geworden, dass wir erst nach einem weiterem Besuch die Aussicht haben, den
Liberalisierungsprozess in Schweden bewerten zu können", resümiert Marketing- und
Reiseleiter Karl-Eberhard Wolff." 8 Monate nach dem im Januar 2010
erfolgten Startschuss zur Liberalisierung waren die meisten Marktteilnehmer
voller Euphorie." Schon im folgenden Jahr hatte sich die Stimmung gedreht.
Nicht ohne Grund: Die Marktverhältnisse stellten sich anders dar als es viele
vorausgesagt hatten.
Apothekenzuwachs niedriger als erwartet
Zahl der selbstständigen Apotheken wächst
Auch die selbstständigen Apotheken tragen zu diesem Wachstum bei. Mit insgesamt 15 Apotheken (Siehe Tabelle unter "Sonstige" und "PS-Pharma") ist ihre Marktbedeutung vergleichsweise gering. Ihre Zahl hat sich jedoch seit dem letzten Besuch mit 8 neuen Apotheken mehr als verdoppelt. Die PS-Apotheke beispielsweise existierte in 2010 noch nicht. Die Kehr-Studienreisenden nutzten in diesem Jahr die Gelegenheit, Apothekerin Kerstin Parment und ihre Apotheke kennenzulernen - siehe Abb. 1 "Apothekerin Parment erläutert das neue Logo der PS-Apotheke". Die Apotheke wurde bewusst in einem der wohlhabenden Stadtteile Stockholms von ihr gegründet. Neben einem breiten Sortiment an Kosmetika setzt Parment auf das sonst in schwedischen Apotheken nicht übliche Sortiment an Hilfs- und Pflegehilfsmitteln - siehe Abb. 2 PS-Apotheke Sortiment Hilfs- und Pflegehilfsmittel. Auf die finanzielle Einstiegshürde bei einer Apothekengründung, das EDV-System mit Anbindung an die zentrale Datenverarbeitung des schwedischen Gesundheitssystems, angesprochen kommentierte Parment: "Das hat mich unglaublich viel gekostet."
Neue Kommunikationsschnittstelle Ende 2011 erwartet
In der Vergangenheit gab es nur das eine Warenwirtschafts- und EDV-System, mit dem die Kommunikation mit dem einen, zentralen Datawarehouse des schwedischen Gesundheitswesen möglich war. Mit der Liberalisierung wurde beschlossen, eine neue Kommunikationsschnittstelle einzurichten und das alte Kommunikationssystem abzuschaffen. Der ursprünglich geplante Zeitpunkt für die Umsetzung dieses Liberalisierungsschrittes Juni 2011 wurde auf den 31. Dezember 2011 verschoben. Apoteket AB wird bis dahin ihr eigenes System entwickeln. Für eine einzelne, selbstständige Apotheke ist es undenkbar eine derartige Entwicklung zu finanzieren. Sie ist vielmehr darauf angewiesen, die Software-Entwicklungen der Apotheken nutzen zu können. So hat sich beispielsweise Foxpharmacy für das EDV-System von Pharma Solutions entschieden. Dieses wird auch von den Ketten Hjärtet, Cura und Medstop eingesetzt. Die kleine, spezialisierte Apothekengruppe Vardapoteket wird das Angebot von Logica nutzen, das auch Kronans Droghandel, Apoteksgruppen, Doc Morris und Boots in Anspruch nehmen. Die privaten Apotheken und kleineren Ketten arbeiten mit der Firma Receptum zusammen. Mit insgesamt drei EDVAnbietern ist dieser Markt sehr wettbewerbsarm und wird von den großen Ketten dominiert. Die Aufwendungen sind vergleichsweise hoch und bei der Finanzierung des erforderlichen Kapitalbedarfs stößt die einzelne Apotheke schnell an ihre Grenzen.
Etablierung von neuen Pharmagroßhändlern erwünscht
Die Ertragsquellen der schwedischen Apotheke sind nicht zuletzt deshalb beschränkt, weil der pharmazeutische Großhandel mit einer minimalen Marge auskommen muss. Aufgrund des one-chanel-systems - ein Arzneimittel ist nur über einen der beiden pharmazeutischen Großhändler zu beziehen - gibt es so gut wie keinen Wettbewerb um die Apotheken. Die Großhändler Tamro (Phoenix mit 55 % Marktanteil) und Kronans Droghandel (Oriola mit 40 % Marktanteil) kämpfen untereinander um die jährlich neu zu verhandelnden Lieferkontrakte der pharmazeutischen Hersteller. Die Apotheke muss dann bei dem einen und dem anderen Großhandel ihren jeweiligen Bedarf an nur dort verfügbaren Arzneimitteln beziehen. Das Direktgeschäft hat mit 5 % eine untergeordnete Rolle und fällt als Wettbewerbsregulativ deshalb aus. Mit in der Regel 1 Lieferung pro Tag, 30 Tagen netto Zahlungsziel und dem Ausschluss von Retouren bietet der pharmazeutische Großhandel den Apotheken ein vergleichsweise niedriges Serviceniveau. Die Gerüchte über die Gründung weiterer Großhandlungen werden von den Apotheken deshalb positiv kommentiert. Sie verbinden damit die Erwartung, einen besseren Service zu erhalten und diesen auch von den bestehenden Großhandlungen einfordern zu können. Dabei handelt es sich um Leistungen wie Retourenregelungen und die zuverlässige Belieferung mit den bestellten Arzneimitteln. Von Rabatten oder Skonti ist keine Rede.
Ertragsspanne aufgeschlüsselt
Aus welchen Bestandteilen setzt sich die Ertragsspanne einer schwedischen Apotheke also zusammen? Bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln erwirtschaftet die Apotheke durchschnittlich 18,2 %. Die Spannen sind gesetzlich geregelt. Die Spanne bei Generika ist dabei im Vergleich zu den Originalen mit einem zusätzlichen Fixbetrag von 10 schwedischen Kronen pro Arzneipackung höher. Beim OTC-Sortiment kann sie eine Spanne zwischen 33 und 40 % erzielen. Es ist die vergleichsweise hohe OTC-Spanne, die neu gegründete Apotheken ihren Verkaufsschwerpunkt auf die Selbstmedikation legen lassen. Die Apotheken sind entsprechend mit einer großen Freiwahl ausgestattet. Im Eingangsbereich und Zentrum der Offizin werden die freiverkäuflichen Arzneimittel und sonstigen Freiwahlprodukte breit und werbewirksam platziert. Als Kundenmagnet dient im hinteren Teil der Offizin die Ausgabestelle für verschreibungspflichtige Arzneimittel - siehe dazu Abb. 3 und 4 medstopapotheke, Abb. 5, 6, 7 und 8 Cura-Apotheke, Abb. 9 und 10 Herz-Apotheke, Abb. 11 und 12 Doc Morris Apotheke, Abb. 13 und 14 Kronans Droghandel Apotheke, Abb. 15 und 16 Apoteksgruppen. Apothekenpflichtige OTC-Arzneimittel sind prinzipiell freiverkäuflich und werden in den Freiwahlregalen platziert. Dabei stehen die Apotheken nicht nur untereinander im Wettbewerb um den Verkauf von freiverkäuflichen Arzneimitteln. Ihr Verkauf ist auch außerhalb von Apotheken in dafür zugelassenen Shops und Einzelhandelsgeschäften erlaubt. Der Marktanteil des OTC-Geschäfts außerhalb der Apotheke beträgt derzeit 15 %.
Dienstleistung wird aktuell klein geschrieben
Ernüchternd ist ein Vergleich des Erscheinungsbildes und des Dienstleistungsspektrums der Kettenapotheken. Unterschiede in der Markenpositionierung sind kaum wahrzunehmen. Cura, medstop, Herz-Apotheke, Doc Morris, apoteksgruppen und apoteket - siehe Abb. 17 - verwenden grün als ihre Logofarbe. Dies ist auch die Farbe des Siegels, mit dem die schwedische Arzneimittelbehörde (Medical Product Agency - MPA) die Erlaubnis zur Führung einer Apotheke dokumentiert - siehe Abb. 18 MPA-Sigel. Kronans Droghandel und jetzt auch Boots setzen eine andere Farbe ein. Das Angebot von Dienstleistungen rund um das Thema Gesundheit und Vorsorge ist rudimentär vorhanden. So bietet die Herz-Apotheke Hautanalyse an und verfügt über Informationsbroschüren zu verschiedenen Indikationen. Doc Morris hält in seinem Flagshipstore eine Kosmetikern vor und bietet ihre Dienste mit Terminvereinbarung an. Die Beratung rund um das Arzneimittel und seine richtige Einnahme steht in allen Apotheken im Zentrum. Neben einem breiten Angebot an Kosmetika, Körperpflegemitteln und OTC-Arzneimitteln ist es auch in Schweden das Kerngeschäft der Apotheke. Die besseren Erträge im Freiwahlund OTC-Sortiment ergänzen die kostenintensive und ertragsgedeckelte Bearbeitung von Rezepten.
Generika-Ausschreibung geht vor Arzneimittelversorgung
Jeden Monat werden vom schwedischen Gesundheitswesen Generika ausgeschrieben. Die monatlichen Ausschreibungen bei Generika verschärfen das ungleiche Ertragsverhältnis von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln und freiverkäuflichen Arzneimitteln. Das beste Angebot gewinnt mit dem Ergebnis, dass die erstattungsfähigen Generika in der Regel monatlich wechseln. Eine Abverkaufsfrist existierte in 2010 für nicht mehr erstattungsfähige Generika aus den Apotheken nicht. Dies wurde inzwischen auf eine 14-tägige Abverkaufsfrist geändert. Eine Änderung, die absolut notwendig war, denn die Waren des Ausschreibungsgewinners stehen in der Regel nicht in ausreichender Menge zur Verfügung. Generika, die nicht mehr verkauft werden können, können vor Verfall des Gültigkeitsdatums an den Großhandel nicht retourniert werden. Somit wird das Warenlager von Monat zu Monat mehr aufgebläht. Der einzige Trost dabei ist, dass in den nächsten Monaten die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass das alte Generikum wieder zu den Gewinnern der monatlichen Ausschreibung gehörten könnte. Es wird sich zeigen, wer sich in diesem Markt mit engen Margen und hartem Wettbewerb im freiverkäuflichen Sortiment behaupten kann. Vielleicht führt eine der nächsten Kehr ExtraTouren wieder nach Schweden, um Neues von der weiteren Entwicklung selbstständiger Apotheken berichten zu können.
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